Bohrkern

Benjamin Steininger

Ein Stein ist ein Stein ist ein Stein. Ebenso wie auf Rosen scheint der berühmte Satz von Gertrude Stein auf Steine zu passen. Steine welken nicht, verlieren nicht ihren Duft. In ihnen steht die Zeit still. Was vulkanische Aktivität und Leben in Form von Muschelschalen oder Radiolarienpanzern aufgebaut hatte, ist im Gestein still gestellt, ob im Granit oder Sediment.

Illustration zum Artikel „Schatzsuche im Wiener Becken“, Mitarbeitermagazin der OMVAG 1/2010: Bohrkerne von 1980 erscheinen in neuem Licht. Quelle: Archiv der OMV sowie Sammlung Rohstoff-Geschichte, mit freundlicher Genehmigung der OMVAG.

Die Veränderungen in den Gesteinen sind das Ergebnis geophysikalischer und biogeochemischer, in langen Zeitdauern ablaufender Prozesse. Aber auch sehr kurzfristig kann ein Stein die Rolle wechseln, von einem statischen, stummen zu einem dynamischen, aufschlussreichen, zu einem politisch brisanten Gegenstand.

Die Abbildung zeigt ein auf diese Weise mehrfach verändertes Sedimentgestein. Die Probe stammt aus dem Untergrund des Wiener Beckens in Niederösterreich. Sie wurde 1980 als Bohrkern bei der Bohrung Zistersdorf Übertief 1 herausgeschnitten, ausgeführt von der Österreichischen Mineralölverwaltung (ÖMV). Das beiliegende Papier aus dem Bohrkernlager nennt neben dem Gestein (Wakestone), der Stratigraphie (Mergelstein) und seiner Porosität (5,5–8,5%) auch die Tiefe, aus der die Probe stammt: 5.601–5.606 Meter. Die Probe wurde bei einer Rekordbohrung entnommen, die erst bei 7.544 Metern zum Stehen kam. Mit ungeheurem Aufwand sollte 1980 im so genannten „Dritten Stockwerk“, weit unterhalb der bis dahin bekannten Öl-Lagerstätten, an einer 8.000 Meter tief reichenden, im gesamten Alpen-Karpatenbogen einzigartigen geologischen Bruchsituation im Wiener Becken, noch unter den Schichten des Neogen, Flysch und Waschberg, in ca. 150 Millionen Jahre altem Sediment Öl und Gas erschlossen werden. Im Allzeithoch des Ölpreises schienen selbst höchste Investitionen in tiefste Bohrungen gerechtfertigt.

Und tatsächlich: Zistersdorf Übertief 1 stößt am 16. Januar 1980 auf Gas! 1,2 Millionen m3 Erdgas mussten pro Tag kontrolliert abgebrannt werden. Doch zur produktiven Fassung der Quelle kommt es nicht. Nur drei Tage später stürzt das Bohrloch ein. Und die 1983 abgeteufte Ersatzbohrung Zistersdorf ÜT 2A kann selbst bei 8.553 Metern keine Kohlenwasserstoffe erreichen. Statt einer Goldgrube liefern die Bohrungen nur taubes Gestein. Immerhin profitiert die Wissenschaft von der mehrere hundert
Millionen Euro teuren Fehlinvestition: mit Grundlagenforschung über den Aufbau des Alpen-Karpatenbogens.1

Aber ein Stück Stein ist eben nicht nur ein Stein. Wenn sich die Umstände rund um ein nach Menschenermessen stillstehendes Gebilde ändern, kann auch dieses in Bewegung versetzt werden. Davon berichtet die Abbildung. Die Grafik illustriert im Mitarbeitermagazin der OMV 2010 eine erstaunliche Neubewertung der historischen Bohrungen. Hatte die Rekordbohrung selbst an dem von der Iranischen Revolution erzeugten Ölpreishoch gehangen, hängt die Neubewertung 2010 an einer technischen Revolution aus den USA.

Es ist das globale und neue Paradigma des Frackings, das die lokal schon als Museumsstücke in verstaubte Ecken des Bohrkernlagers abgeschobenen Proben als neuen Forschungsgegenstand, als „epistemische Dinge“2 attraktiv macht. Mit dem hydraulischen Aufbrechen von zwar als „Erdölmuttergesteinen“ bekannten, aber bis dato nie als „Erdölspeichergesteine“ behandelten Formationen, aus denen sich Öl gewinnen lässt, hatten sich ab den 1990er Jahren die Kalküle der Weltwirtschaft und schließlich auch der Weltpolitik verändert. So ungeheure Ressourcen wurden in shale-Formationen in Pennsylvania, Texas, North Dakota und anderswo, in Marcellus Shield, Bakken Formation, Permian Basin angezapft, dass sich die USA von einer Ölimport- zu einer Ölexportnation zurückverwandelte, dass Erdgas aktuell in einigen Gegenden kostenpflichtig vernichtet werden muss und dass 2020 sogar Weltkriegsängste am Persischen Golf den Ölpreis fast unangetastet lassen.

Im Jahr 2010 standen auch im Wiener Becken Souveränität versprechende Ressourcen an. Auf 30 Jahre des nationalen Verbrauchs an Erdgas schätzte man das Potenzial der Formation. Doch auf einmal war die Schatzsuche im Wiener Becken aus den Mitarbeiter- und Tageszeitungen wieder verschwunden. Das zunächst teuer erbohrte, dann wertlose, dann museale, dann epistemisch, weil ökonomisch und geostrategisch hoffnungsvolle Gestein hatte sein umweltpolitisches Störpotenzial gezeigt.

In einem Kommunikationsdesaster sondergleichen hatte der größte Konzern des Landes die Fracking-Debatte in Zeiten von youtube und facebook unterschätzt. Testbohrungen wurden nicht in erfahrenen Erdölgemeinden, sondern knapp daneben angesetzt, berechtigte Umweltbedenken wurden abgetan. Auf virale Filmclips aus den USA, in denen brennende Wasserhähne zu beweisen schienen, dass durch Fracking Methan ins Grund- und Trinkwasser gelangt, war man nicht vorbereitet. Dass im Dokumentarfilm Gasland (USA, 2010, Regie: Josh Fox) nicht fossiles, sondern biogenes, also im Grundwasser selbst entstandenes Methan brannte, ging im Trubel unter.

Statt für jahrzehntelang sicher vorhandenes, heimisches Erdgas aus den Händen eines in den klassischen Erdölgemeinden hoch geachteten, nach hohen Umweltstandards produzierenden, noch immer zu 31% in Staatsbesitz befindlichen Unternehmens, hatte die Bevölkerung in turbulenten Bürgerversammlungen für ein anderes Prinzip votiert: leave it in the ground.

Ob die Diskussion um die Gasvorkommen des Weinviertels damit zu einem allerletzten Abschluss gekommen ist, oder ob sich der Blick auf das Gestein des Untergrunds nochmals verändern wird, ist aber schwer zu sagen. Solange sich die Verhaltensmuster der Verbrauchsländer nicht von fossilen Ressourcen lösen, geht es auch darum, Risiken fair zu teilen. Gas zu importieren und Umweltrisiken zu exportieren verfehlt dieses Ziel. So könnte von der Entwicklung möglichst transparenter, bürgerschaftlich begleiteter, staatlich und umwelttechnisch kontrollierter Fördertechnik mehr Vorbildwirkung ausgehen, als von der Parole not in my backyard. Unter dieser Voraussetzung könnte es also durchaus sein, dass die mittlerweile wieder eingemotteten Bohrkerne ihre Rolle nicht zum letzten Mal geändert haben.

Referenzen:

[1] Wessely, Godfried: „Geological results of deep exploration in the Vienna basin“, in: Geologische Rundschau Mineral Deposits, Bd. 79, Nr. 2, Juni 1990, S. 513–520.
[2] Rheinberger, Hans-Jörg: Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas, Frankfurt/M. 2006.

Bei diesem Text handelt es sich um die Vorveröffentlichung eines  Kapitels aus dem von Benjamin Steininger und Alexander Klose verfassten Band Erdöl. Ein Atlas der Petromoderne (Berlin: Matthes & Seitz), der im Oktober 2020 erscheinen wird.

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